Die Situation in Russland ist angespannt. Trotz der gestiegenen Einnahmen durch höhere Ölpreise, die über den Erwartungen zu Jahresbeginn liegen, steht die russische Wirtschaft vor erheblichen Herausforderungen. Die Schulden nehmen zu, während die wirtschaftliche Entwicklung stagniert. Selbst Wladimir Putin, der Präsident Russlands, sah sich im April gezwungen, auf die kritische Lage hinzuweisen.
Er räumte ein, dass nicht nur ungünstige Wetterbedingungen zur Stagnation der Wirtschaft in den ersten beiden Monaten des Jahres beigetragen hatten und forderte die Regierung bei einem Treffen auf:
„Ich erwarte heute detaillierte Berichte zur wirtschaftlichen Lage und dazu, warum die makroökonomischen Indikatoren unter den Erwartungen von Experten und auch unter den Prognosen der Regierung und der Zentralbank liegen.“
Wachstumsprognosen und wirtschaftliche Realität
Obwohl Putin im Mai verkündete, dass die Maßnahmen der Regierung erste positive Ergebnisse zeigten, ist die Realität weniger optimistisch.
„Wie Wirtschaftsminister Reschetnikow kürzlich berichtete, hat der Konsum im März zugelegt. Der Großhandel wuchs um acht Prozent, der Einzelhandel um rund sechs Prozent,“
erklärte Putin. Dennoch ist die Gesamtwirtschaft im ersten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um 0,3 Prozent geschrumpft. Die russische Regierung hat ihre Wachstumsprognose für 2023 von 1,3 auf 0,4 Prozent gesenkt. Zudem hat der Staat im ersten Quartal bereits mehr Schulden aufgenommen, als ursprünglich für das gesamte Jahr eingeplant war.
Veränderungen in der wirtschaftlichen Landschaft
Die russische Wirtschaftsgeografin Natalia Subarewitsch beschreibt einen Wandel in der wirtschaftlichen Entwicklung der letzten Jahre.
„Jedes Jahr ändert sich alles. So habe es 2022 einen Rückgang aus verständlichen Gründen gegeben. 2023 dann wieder schnelles Wachstum überall in der Industrie, bei den Löhnen,“
sagte sie. Für 2024 prognostiziert sie ein weiteres Lohnwachstum, während die zivile Industrie schrumpft.
„Jetzt haben wir 2026. Die Gastronomie wird leiden. Wir warten auf Angaben im Sommer. Wir sehen bereits Schließungen und sinkende Umsätze,“
fügte sie hinzu.
Steigende Sparneigung der Bevölkerung
Die wirtschaftliche Unsicherheit führt dazu, dass viele Menschen in Russland verstärkt sparen. Eine Studie eines russischen Discounters zeigt, dass 37 Prozent der Konsumenten nun preisbewusst einkaufen, während es vor einem Jahr nur 32 Prozent waren. Die Erhöhung der Mehrwertsteuer von 20 auf 22 Prozent zum Jahreswechsel könnte ebenfalls zu dieser Entwicklung beigetragen haben.
Die schlechte wirtschaftliche Lage hat auch Auswirkungen auf die Regionen Russlands, wo vor allem bei Bildung und Gesundheit gespart wird. Dennoch steigt die Schuldenlast weiter an. Der russische Finanzminister Anton Siluanow hat angekündigt, gegensteuern zu wollen:
„Unsere Aufgabe besteht darin, die Verschuldung der Regionen bei den Privatbanken in Höhe von 18 Milliarden Euro im laufenden Jahr maximal zu senken.“
Einfluss der ukrainischen Angriffe
Zusätzlich wird die russische Wirtschaft durch ukrainische Angriffe auf Ziele innerhalb Russlands belastet. Trotz dieser Angriffe sind die russischen Öl-Exporte im März und April um zehn Prozent im Vergleich zu den Vormonaten gestiegen. Laut dem Wirtschaftsexperten Dmitri Nekrassow, der als ausländischer Agent gilt, hatten die ukrainischen Angriffe bislang keinen entscheidenden Einfluss auf die Öl-Exporte.
Die Probleme in der russischen Wirtschaft sind jedoch nicht zu ignorieren. Viele Unternehmen machen sich Sorgen über die zunehmenden Angriffe und haben bereits Maßnahmen zum Schutz ihrer Anlagen ergriffen. Alexander Schochin, der Vorsitzende des russischen Industrie- und Handelsverbandes, erklärte:
„Große Unternehmen legen viel Wert auf den Schutz ihrer Anlagen und ihrer Liegenschaften. Einige Probleme müssen aber noch gelöst werden. Das betrifft die Beschaffung von Waffen – nicht nur von solchen mit kleinem Kaliber, sondern auch von größeren Waffen.“
Die strukturellen Probleme der russischen Wirtschaft werden durch die hohen Ausgaben für Krieg und Rüstung weiter verschärft. Der Finanzminister hat zwar Sparmaßnahmen angekündigt, jedoch nicht im militärischen Bereich.
Quellen: tagesschau