Regierungen weltweit setzen im Kampf gegen die Erderwärmung auf die Abscheidung von CO2 aus der Atmosphäre. Eine aktuelle Untersuchung zeigt jedoch eine erhebliche Diskrepanz zwischen den erforderlichen Maßnahmen und den tatsächlich umgesetzten. Forscher haben mögliche Ursachen identifiziert.
Die menschlichen Aktivitäten führen dazu, dass mehr CO2 in die Atmosphäre gelangt, als das Klima unseres Planeten verkraften kann. Dies hat zur Folge, dass sich die Erde weiter erwärmt und gefährliche Extremwetterereignisse zunehmen. Um die Erderwärmung zu begrenzen, müssen die Emissionen dringend gesenkt werden, und zwar möglichst schnell. Allerdings gibt es Bereiche, in denen Einsparungen besonders schwierig oder gar unmöglich sind. Hier kommt die CO2-Entnahme ins Spiel, also die Idee, CO2 aus der Atmosphäre zu entfernen. Regierungen weltweit betrachten diese Methode bereits als einen wichtigen Bestandteil ihrer Strategien zur Erreichung von Klimazielen.
Der Begriff CO2-Entnahme, im Fachjargon als „Carbon Dioxide Removal“ bekannt, umfasst jedoch eine Vielzahl unterschiedlicher Methoden. Zu den traditionellen Ansätzen zählt vor allem die Aufforstung, während neuere Methoden wie Carbon Capture and Storage (CCS) in den Fokus rücken. Bei CCS wird CO2 eingefangen, verflüssigt und dann in alte Gas- und Erdöllagerstätten oder in Gestein eingelagert.
Aktuellen Berichten zufolge werden jährlich etwa 2,2 Milliarden Tonnen CO2 aus der Atmosphäre entfernt, hauptsächlich durch Aufforstungsmaßnahmen. „Bis 2035 haben Länder rund 2,7 Milliarden Tonnen CO2-Entnahme zugesagt, bis 2050 sollen es etwa 3,6 Milliarden Tonnen sein. Klimaszenarien, die eine Erwärmung von maximal 1,5 Grad anstreben, benötigen jedoch deutlich mehr, insbesondere langfristig“, erklärt William Lamb, Co-Autor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). „Die Lücke zwischen dem, was benötigt wird, und dem, was tatsächlich erreicht wird, wächst mit der Zeit erheblich.“
Lamb verweist darauf, dass das international angestrebte Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen, von vielen Klimaforschern als kaum noch erreichbar angesehen wird. Um die Temperatur wie gewünscht wieder zu senken, wären zeitweise Netto-Negativemissionen erforderlich, was bedeutet, dass mehr CO2 aus der Atmosphäre entfernt werden müsste, als emittiert wird. In diesem Kontext spielen die genannten Methoden eine zentrale Rolle.
Die nationalen Zusagen zur CO2-Entnahme bleiben laut der Studie bis 2050 um mehr als 5 Milliarden Tonnen pro Jahr hinter den erforderlichen Mengen zurück, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Das Autorenteam kommt zu dem Schluss, dass die CO2-Entnahme ähnlich schnell wachsen müsste wie andere derzeit expandierende Technologien, etwa Solarenergie und Elektroautos, oder sogar noch schneller.
Allerdings ist dies derzeit nicht in Sicht, da viele Methoden noch sehr kostspielig und damit unwirtschaftlich sind. Die Preisspanne reicht von 10 US-Dollar pro Tonne CO2 bis über 1.000 US-Dollar pro Tonne, wobei die meisten Methoden bei über 200 Dollar pro Tonne liegen, was weit über den derzeit geltenden CO2-Preisen ist.
Um die CO2-Entnahme zu steigern, müssen die Kosten gesenkt werden, so die Forscher. Zudem müssen Unternehmen, die Projekte im Bereich CO2-Speicherung initiieren, mit einer stabilen Nachfrage rechnen. Dies kann nur durch politische Vorgaben erreicht werden, die Unternehmen dazu verpflichten, sich finanziell an der CO2-Entnahme zu beteiligen, um unvermeidbare Emissionen auszugleichen. Studienautor Oliver Geden erklärte, dass es keinen anderen Anreiz für die Finanzierung von CO2-Entnahme gebe, als die Notwendigkeit, Emissionen auszugleichen.
Das Forschungsteam sieht daher die Politik in der Verantwortung, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Derzeit konzentriert sich die Politik jedoch eher auf die Förderung von Forschung und Entwicklung im Bereich der CO2-Entnahme. In den letzten Jahren wurden lediglich etwa 20 Prozent der geplanten Kapazitäten für neue CO2-Entnahmetechnologien tatsächlich umgesetzt, was die Schwierigkeiten bei der Realisierung solcher Projekte verdeutlicht.
Die Etablierung neuartiger Methoden zur CO2-Entnahme steckt noch in den Kinderschuhen. Zwar wächst sie derzeit um etwa 40 Prozent pro Jahr, doch macht sie bislang nur etwa 0,1 Prozent der gesamten CO2-Entnahmen aus. Forscher Lamb warnt: „Die meisten Zusagen setzen auf Wälder und andere landbasierte Maßnahmen, während neue Technologien bislang nur eine untergeordnete Rolle spielen. Wenn die Emissionen nicht schneller sinken, wird die Lücke noch größer.“
Ein Vorzeigeprojekt befindet sich in Island: Die dortige Anlage „Mammoth“, die 2024 in Betrieb ging, entzieht CO2 aus der Luft und wandelt es in Gestein um. Sie soll 36.000 Tonnen CO2 pro Jahr speichern können.
PIK-Forscherin Sabine Fuss betont: „Wir können uns nicht auf eine einzige Methode zur CO2-Entnahme verlassen. Es bedarf eines breiten Mix aus verschiedenen Ansätzen, die an unterschiedliche Regionen und Anwendungen angepasst sind. Bei den neueren Methoden ist es wichtig, weiter zu investieren, um die Kosten langfristig zu senken.“
Geden hebt hervor, dass es nach wie vor von größter Bedeutung ist, Emissionen zu reduzieren. Ohne CO2-Entnahme wird es jedoch nicht möglich sein, die Klimaziele zu erreichen. Diese Methode ist ein entscheidender Bestandteil, auf den sich alle Staaten verlassen. Dies wurde in den letzten Jahren auf den Weltklimakonferenzen deutlich, bei denen alle Staaten ihre Beiträge zur Bekämpfung der Klimakrise darlegen müssen. Insbesondere die ölreichen Golfstaaten setzen stark auf Maßnahmen wie CCS.
Auch in Europa setzen Regierungen verstärkt auf das Thema, insbesondere da es beim klassischen Klimaschutz in vielen Bereichen hapert. Bundeskanzler Friedrich Merz kündigte kürzlich an, dass Deutschland bei der CO2-Abscheidung und -Speicherung Weltmarktführer werden soll. Die schwarz-rote Koalition hat im vergangenen Jahr den Weg für die unterirdische Speicherung von Kohlendioxid freigemacht. Umweltverbände warnen jedoch davor, sich zu sehr auf diese Methoden zu verlassen und die Maßnahmen zur Reduzierung von CO2-Emissionen zu vernachlässigen.
Quellen: n-tv
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